Biologie der Angst
Ein elementares Ziel des Medical Trainings ist es, Angst und Stress, die der Hund während Untersuchungen und Manipulationen empfindet so gut wie möglich zu vermeiden, beziehungsweise so gering wie möglich zu halten.
Zum einen, damit der Hund diese negativen Empfindungen einfach nicht erleben muss. Zum anderen, damit die Untersuchungen und Manipulationen leichter vonstattengehen können sowie auch, damit bestimmte Untersuchungsparameter durch die empfundene Angst des Hundes nicht beeinflusst werden. Wie zum Beispiel durch eine Erhöhung der Herzfrequenz oder eine Erhöhung der Körpertemperatur.
Ebenfalls wird hierdurch die Verletzungsgefahr aufgrund von Abwehr- und Fluchtverhalten für alle Beteiligten minimiert.
Aber was genau ist Angst und wofür ist sie gut?
Der nachfolgende Beitrag soll ein bisschen verständlicher machen, was es mit der Angst aus biologischer Sicht auf sich hat und was dabei im Körper passiert.
In diesem Beitrag handelt es sich aus verschiedenen Gründen um eine stark vereinfachte Darstellung des Prozesses der Angst. Etwas genauer und detaillierter betrachtet sind noch mehr Regionen aus dem Gehirn an diesem Prozess beteiligt, welche wiederum in diversen Wechselwirkungen zueinander agieren.
Zudem gibt es verschiedene Theorien der Angstreaktion. Ich orientiere mich in diesem Beitrag weitestgehend an dem von LeDoux aufgestellten Model.
Ebenfalls zur Vereinfachung verwende ich den Begriff Angst gleichbedeutend zu dem Begriff Furcht.
Was ist Angst?
- Angst ist eine hoch funktionale und sinnvolle Reaktion.
- Angst ist eine Emotion.
- Angst ist vom Individuum nicht steuerbar.
- Angst ist ein biologisch festgelegtes Alarmsignal, welches in manchen Situationen einem Individuum das Leben retten kann.
- Angst ist in die Zukunft gerichtet und tritt auf, als Reaktion auf bedrohlich, ungewiss oder unkontrollierbar beurteilte Ereignisse oder Situationen.
- Angst löst eine Reihe körperlicher Symptome aus, welche dem Individuum ermöglichen, schnell und effektiv zu handeln (Kampf oder Flucht).
Biologische Funktion
Die biologische Funktion von Angst ist es, das Individuum in Not- bzw. gefährlichen Situationen vor Schäden zu schützen bis hin ihm das Überleben zu sichern.
Ein Hund, welcher beim Tierarzt Angst empfindet, tut dies nicht beabsichtigt!
Angst ist eine biologisch sinnvolle, unwillkürliche – also eine vom Hund nicht gesteuerte oder bewusst entschiedene – Emotion. Ihre Funktion ist es, in potenziell gefährlichen Situationen die Unversehrtheit des Individuums zu sichern. Angst ist mit einer Reaktion gekoppelt, welche die Angst mindern soll oder anders gesagt, welche den Auslöser der Angst reduzieren oder beseitigen soll. Diese Bemühungen spiegeln sich häufig in Form von Flucht- oder Kampfverhalten wieder.
Ein Hund, welcher beim Tierarzt Angst empfindet, fürchtet um sein Wohl und seine Unversehrtheit. Für ihn ist es nicht so einfach, zwischen Tierarzt und „richtiger‟ Gefahrensituation zu unterscheiden. Zum einen, weil ihm das Verständnis dafür fehlt, was und warum das alles mit ihm gemacht wird und vor allem auch, weil der Umgang, welchen der Hund während solch einer Untersuchung oder Manipulation erfährt, in der Regel sehr ungewohnt für ihn ist. Während solch einer Untersuchung wird er nicht selten eingeengt (fixiert), es werden ihm Schmerzen zugefügt (Blutabnehmen, Spritzen geben, Abtasten an evtl. schmerzhaften stellen) und fremde Menschen kommen ihm sehr nah und fassen ihn einfach an (ungewohnte und unvorhersehbare Situation).
Was passiert in Gehirn und Körper bei einer Angstreaktion?
Zunächst nehmen die Sinnesorgane einen oder mehrere Reize aus der Umwelt auf und leiten diese ans Gehirn weiter.
Genau genommen werden die ganzen Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen zunächst ins Zwischenhirn geleitet, und zwar an den Thalamus.
Der aufgenommene Geruch wird neben der Weiterleitung an den Thalamus zusätzlich auf direktem Weg an das Riechhirn geleitet.
Thalamus
Im Thalamus werden die aufgenommenen Sinneswahrnehmungen nach ihrer Wichtigkeit ausgewertet, wobei die wichtigen Informationen anschließend in das Bewusstsein gelangen – also von dem Individuum bewusst wahrgenommen werden. Zu diesem Zweck werden diese Informationen an die Großhirnrinde weitergeleitet. Im Gegensatz dazu werden die als unwichtig gewerteten Sinneswahrnehmungen erst gar nie vom Individuum bewusst wahrgenommen. Deshalb wird der Thalamus auch „Tor zum Bewusstsein“ genannt.
Darauf, was nachfolgend mit den Informationen geschieht, welche an die Großhirnrinde (und damit an das Bewusstsein) weitergeleitet werden, komme ich etwas später zurück. Denn der Thalamus sendet einen Teil der Informationen noch zusätzlich an eine andere Hirnregion, dessen Reaktionsablauf ich zuerst beschreiben möchte.
Und zwar wird ein kleiner Teil der Informationen – genauer gesagt jene, die grob in ein mögliches Gefahrenmuster passen – vom Thalamus besonders schnell an die Amygdala weitergeleitet. Dazu gehören zum Beispiel Reize, die plötzlich oder überraschend auftreten, Reize in unklaren oder schlecht einsehbaren Situationen, etwa bei Dunkelheit, unbekannte Objekte oder Situationen (Unbekanntes wird häufig «sicherheitshalber» zunächst eher skeptisch bewertet) sowie Reize, die in der Vergangenheit bereits mit Angst verknüpft wurden.
Beim Tierarzt könnten dies ebenfalls unbekannte Objekte, wie diverse Untersuchungsgeräte oder Situationen sein, in denen sich Menschen anders verhalten, als der Hund es gewohnt ist. Und auch schmerzreize, wie sie durchs Spritzengeben oder Abtasten verursacht werden können, können beim Hund Angst auslösen.
Die Informationen, welche hierbei an die Amygdala weitergeleitet werden, sind zunächst nur recht vage und stellen keine klare Beurteilung der Situation dar.
Amygdala
Die Amygdala ist ein Teil vom Funktionskreis des Limbischen Systems und gilt als Speicher der emotionalen Erinnerungen. Die Amygdala steuert hierfür das sogenannte „implizites Emotionales“ bzw. „emotionale Gedächtnis“. Der Abruf von Erinnerungen aus dem emotionalen Gedächtnis läuft unbewusst ab, das heißt die Erinnerungen werden von dem Individuum nicht bewusst wahrgenommen.
Zuvor jedoch erhält die Amygdala Informationen, zum einen vom Thalamus und zum anderen direkt vom Riechhirn. Diese ankommenden Reize werden dann mit früheren Erfahrungen aus dem emotionalen Gedächtnis abgeglichen. Bei einer Erinnerung an potenzielle Gefahr wird durch die Amygdala die Emotion Angst ausgelöst. Die Informationen, die die Amygdala vom Thalamus erhält, sind jedoch nur vage und lassen dadurch noch keine klare Beurteilung der Situation zu. Gibt es trotz dessen Ähnlichkeiten mit bereits in der Vergangenheit gemachten angstauslösenden Erfahrungen oder ähneln diese Informationen angeborenen angstauslösenden Reizen, dann reagiert die Amygdala sofort und veranlasst eine entsprechende Angstreaktion.
Dieser Vorgang ist unwillkürlich und unbewusst. Er dient dazu, mögliche Gefahren einzuordnen und den Organismus auf eine entsprechende Reaktion vorzubereiten. Wie rasch und wie intensiv diese Reaktion einsetzt, kann dabei unterschiedlich ausfallen und hängt unter anderem von der Situation, der Art des Reizes und den bereits gemachten Erfahrungen ab. Die genauere Verarbeitung und Einordnung der Situation erfolgt erst in weiteren Schritten durch andere Hirnstrukturen.
Wie es dazu kommt, dass ein Lebewesen auf eine mögliche Gefahr reagiert, schauen wir uns nun noch etwas genauer an.
Passen also die Erhaltenen Informationen laut Amygdala potenziell zu einer früheren beängstigenden Erfahrung oder einem angeborenem Angstauslöser, dann stimuliert die Amygdala über Eiweiße sogenannte Neuropeptide, den Hypothalamus.
Hypothalamus
Der Hypothalamus gilt als wichtiges Steuerungszentrum von vegetativen sowie hormonellen Prozessen. Im Falle einer potenziellen Gefahr – diese Information hat er durch die Neuropeptide der Amygdala erhalten – kann der Hypothalamus zwei Aktivierungsmechanismen in Gang setzen.
Zum einen die schnelle und kurzfristige neuronale Aktivierung des sympathischen Nervensystems und zum anderen die langsamere, aber dafür länger anhaltende hormonelle Aktivierung. Wie stark diese beiden Mechanismen jeweils beteiligt sind, kann dabei unterschiedlich ausfallen.
Bei der Neuronalen Aktivierung stimuliert der Hypothalamus, über Nervenbahnen über das Rückenmark hinweg, das Nebennierenmark, zur Ausschüttung des Hormongemisches von 80% Adrenalin und 20% Noradrenalin, welches ins Blut abgegeben wird.
Hierbei bewirkt das Adrenalin:
- Erhöhung der Herzleistung
- Anstieg des Blutvolumens
- verstärkte Durchblutung der Skeletmuskulatur
- Steigerung der Atmung
- Mobilisierung von Energiereserven
- zentral erregende Wirkung
- Pupillenerweiterung
Das Noradrenalin hat u.a. folgende Auswirkungen:
- Erweiterung der Bronchien
- Förderung des Atomvolumens
- Herabsetzung der Magen-Darm-Tätigkeit
Diese Anpassungen der Körperfunktionen fördern eine schnelle Reaktionsbereitschaft, wie sie zum Beispiel bei einer Flucht- oder Kampfreaktion benötigt wird.
Bei einer tierärztlichen Untersuchung jedoch können diese Anpassungen der Körperfunktionen gegebenenfalls zu einer unpräziseren Diagnose führen.
Eine starke Aktivierung durch Adrenalin und Noradrenalin infolge einer Angstreaktion wird in der Regel nach einigen Minuten wieder herunterreguliert, um eine Überbeanspruchung des Körpers zu verhindern.
Neben der schnellen neuronalen Aktivierung gibt es dann noch die langsamere, aber dafür längerfristige hormonelle Aktivierung, welche ebenfalls durch den Hypothalamus in Gang gesetzt wird: Hierfür schüttet der Hypothalamus das Hormon CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) aus, wodurch wiederum die Hypophyse stimuliert wird.
Die Hypophyse ihrerseits setzt aufgrund der Stimulation durch das Hormons CRH das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) frei.
Durch die ACTH-Freisetzung wird schließlich (unter anderem) die Nebennierenrinde angeregt, Cortisol auszuschütten.
Die freigesetzten Hormone (vor allem Cortisol) haben folgende Wirkung:
- Stimulierung und Aktivierung der Psyche
- Anstieg des Blutzuckerspiegels
- Erhöhung des Blutdrucks
- Steigerung der Herzleistung
- erhöhte Blutgerinnung
- entzündungshemmend Wirkung
Großhirnrinde
Jetzt gehe ich nochmals zu der Großhirnrinde zurück. Wir erinnern uns: Der meiste Teil der Informationen, welche mit den Sinnesorganen aufgenommen wurden, jener Teil, welcher bewusst werden soll, wird vom Thalamus an die Großhirnrinde geleitet. In der Großhirnrinde werden die Sinnesreize nun zu Bildern und Eindrücken verarbeitet.
Während die Amygdala bereits eine erste emotionale Reaktion anbahnen kann, verarbeitet auch die Großhirnrinde die Informationen des Thalamus genauer. Durch diese genauere Verarbeitung wird dem Individuum zunehmend bewusster, worauf es reagiert. Auch dieser Vorgang geht innerhalb weniger Millisekunden vonstatten.
Die so von der Großhirnrinde ausgewerteten detailreicheren und eindeutigeren Informationen werden nun herangezogen, um die Situation genauer und bewusster einzuordnen.
Hierzu werden zusätzlich frühere Erfahrungen, welche das Individuum gemacht hat, mit der jetzigen Situation verglichen. Diese Erfahrungen bzw. Erinnerungen werden aus dem Hippocampus – dem Ort des „expliziten“ bzw. „deklarativen Gedächtnisses“ – abgerufen. Dieses Gedächtnis ist im Gegensatz zum „emotionalen Gedächtnis“ der Amygdala stärker an der bewussteren Verarbeitung beteiligt.
Entsprechend kann auch die Reaktion an die nun genauer eingeordnete Situation angepasst werden. Je nachdem, wie die Situation im weiteren Verlauf eingeschätzt wird, kann die körperliche Reaktion wieder abnehmen, bestehen bleiben oder weiter zunehmen.
Intensität und Verlauf von Angst beim Tierarzt
Die biologische Angstkaskade folgt grundsätzlich denselben neurobiologischen Prinzipien, wie sie zuvor bereits beschrieben wurden. In der Praxis kann sie jedoch aus unterschiedlichen Gründen ausgelöst und unterschiedlich schnell in Gang gesetzt werden. Nicht jede Angstreaktion beginnt plötzlich und nicht jede Angst zeigt denselben Verlauf.
Im Folgenden möchte ich drei mögliche Beispiele dafür aufzeigen, wie und wodurch Angst beim Tierarzt ausgelöst werden kann.
1. Angst, die sich schrittweise aufbaut
Eine Angst, die sich schrittweise oder langsam aufbaut, entsteht zum Beispiel in Situationen, in denen das Individuum Zeit hat, die Situation wahrzunehmen und zu verarbeiten, diese jedoch gleichzeitig als unangenehm, unheimlich oder bedrohlich empfindet.
Ein Beispiel wäre hier ein junger Hund beim ersten Tierarztbesuch, welcher noch keine schlechten Vorerfahrungen gemacht hat. Er ist zunächst noch neugierig oder neutral und wird dann auf den Tisch gesetzt, festgehalten und gegen seinen Willen untersucht.
Dieses Vorgehen kann dazu führen, dass Unsicherheit und Angst deutlich zunehmen. War der junge Hund zunächst noch neutral oder sogar neugierig im Behandlungsraum unterwegs, kann bereits das Hochheben auf den Tisch etwas Ungewohntes für ihn sein und erstes Unwohlsein auslösen. Mit jeder weiteren ungewohnten oder unangenehmen Handlung, wie dem Festhalten oder Untersuchen, kann die Situation für den Hund unheimlicher werden, sodass die Angst schrittweise ansteigt.
2. Plötzliche Schreckreaktion
Anders verhält es sich bei plötzlichen, unerwarteten und stark aversiven Reizen. In Momenten, in denen das Individuum kaum Zeit hat, den Reiz oder die Situation zu verarbeiten, kann das Alarmsystem abrupt anspringen und die Angst innerhalb sehr kurzer Zeit stark ansteigen. In einem solchen Fall kann man auch von einer Schreckreaktion sprechen.
Dies kann zum Beispiel bei einem überraschenden Schmerzreiz während der tierärztlichen Untersuchung oder bei einer unerwarteten Injektion passieren.
Solche Situationen können besonders problematisch sein, weil sie mit intensiven Reaktionen verbunden sein können. Dazu zählen zum Beispiel plötzliches Zurückweichen, Einfrieren, heftige Abwehrbewegungen oder auch Abwehrbeißen. Solche Reaktionen sollten nicht unterschätzt werden, da sie für den Hund eine besonders negative Lernerfahrung darstellen können.
3. Erlernte Angst, die immer früher beginnt
Hat ein Hund beim Tierarzt bereits unangenehme oder schmerzhafte Erfahrungen gemacht, kann sich daraus eine erlernte Angstreaktion entwickeln. Hierbei beginnt die Angst nicht erst in dem Moment, in dem etwas Unangenehmes geschieht, sondern bereits vorher – nämlich bei Hinweisreizen, die der Hund mit früheren schlechten Erfahrungen verknüpft hat.
Genauer gesagt: Wenn der Hund auf dem Behandlungstisch in der Tierarztpraxis durch bestimmte Handlungen Angst bekommen hat, kann es in Zukunft sein, dass nicht erst diese Handlungen Angst beim Hund auslösen, sondern bereits das Hochheben auf den Behandlungstisch. Der Behandlungstisch wird dann sozusagen zu einem Vorboten dafür, dass demnächst wieder etwas Unangenehmes mit ihm geschehen könnte.
Anfangs betrifft das vielleicht nur den Behandlungstisch oder den Behandlungsraum. Mit weiteren negativen Erfahrungen können jedoch immer mehr Reize zu Hinweisreizen für etwas Unangenehmes werden: der Geruch der Praxis, das Wartezimmer, das Gebäude oder sogar schon der Parkplatz. Die Angst setzt dann immer früher ein und steigert sich oft mit jedem weiteren Hinweisreiz.
Dadurch kann sich die Reaktion im Laufe der Zeit regelrecht aufschaukeln: Was anfangs nur im Behandlungsraum Angst ausgelöst hat, kann später schon lange vor der eigentlichen Untersuchung beginnen.
Warum dieser Unterschied wichtig ist
Für das Verständnis von Angst beim Tierarzt ist es deshalb wichtig, nicht nur die biologische Kaskade selbst zu betrachten, sondern auch, wie sie ausgelöst wird. Angst kann sich schrittweise aufbauen, plötzlich sehr stark ansteigen oder durch Lernerfahrungen immer früher einsetzen. Diese Unterschiede zu erkennen, ist entscheidend, um Hunde frühzeitig zu unterstützen und negative Erfahrungen möglichst zu vermeiden.
Die 4 Fs
Es werden vier Möglichkeiten unterschieden, wie ein Individuum in einer Gefahrensituation reagieren kann. Wie es im Endeffekt reagiert, ist typ-, spezies- und situationsabhängig, sowie von den vorherigen Erfahrungen, die das jeweilige Individuum in seinem Leben gemacht hat.
Mit einer der folgenden 4 Möglichkeiten reagiert ein Individuum in einer Gefahrensituation – diese werden auch als die 4 Fs bezeichnet.
- freeze (Erstarren, Einfrieren)
- flight (Fluchtreaktion)
- fight (Kampfreaktion)
- flirt oder fiddle about (übertrieben freundliches Verhalten)
Freeze:
Das „Freeze“ kann zum einen in Form eines kurzen Erstarren innerhalb einer Schrecksekunde stattfinden, in Folge einer plötzlich auftretenden Gefahr. Hierbei wird für eine potenziell bevorstehende Kampf- oder Fluchtreaktion vom Körper kurzfristig Energie mobilisiert. Hinzukommend werden die Sinne gezielt auf die Gefahrensituation ausgerichtet, um diese besser abschätzen zu können, um entsprechend optimal auf diese reagieren zu können. In diesem Fall geht das „Freeze“ einer der anderen drei 4-F-Reaktionen vorweck.
Das „Freeze“ kann aber auch länger anhalten, wie es etwa beim „Starr vor Angst sein‟ vorkommt. Dies kommt zum Beispiel dann vor, wenn das Individuum das Gefühl hat, der Gefahrensituation absolut unterlegen zu sein und dass weder Kampf noch Flucht etwas nützen würden.
Die Freeze-Reaktion wird im Gegensatz zur Flucht- oder Kampfreaktion durch das Parasympathische Nervensystem gesteuert.
Flight:
Flight oder auch Fluchtreaktion wird meistens dann gewählt, wenn das Individuum eine gute Chance hat, durch Flucht vor dem Auslöser zu entkommen. Das ist vor allem dann gegeben, wenn der Angstauslöser noch weit genug entfernt ist.
Die Fluchtreaktion wird vom Sympathischen Nervensystem gesteuert und steht im engen Zusammenhang mit der Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin.
Fight:
Fight oder auch Kampfreaktion wird vorwiegend dann gewählt, wenn eine Flucht zwecklos erscheint. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn das Individuum aufgrund eines zu geringen Abstandes zum Angstauslöser vor diesem nicht mehr fliehen kann. Die Kampfreaktion ist hierbei eher ein Verteidigungskämpfen als ein Angriffskämpfen. In der Regel wird die Fluchtreaktion der Kampfreaktion vorgezogen, da hierbei die Wahrscheinlichkeit größer ist, unbeschadet aus der Situation herauszukommen.
Die Kampfreaktion wird vom Sympathischen Nervensystem gesteuert und steht im engen Zusammenhang mit der Ausschüttung des Stresshormons Noradrenalin.
Flirt / fiddle about:
Beim Hund lässt sich das „Flirt“ als ein übertrieben freundliches Verhalten gegenüber dem Angstauslöser beobachten. Dieses Verhalten beinhaltet häufig viele Elemente aus den Beschwichtigungssignalen. Es wird in der Regel gegenüber anderen Artgenossen oder aber auch gegenüber Spezies einer anderen Art gezeigt, wenn diese ebenfalls untereinander bzw. miteinander kommunizieren, wie es in artübergreifenden Verbänden vorkommt, so auch zwischen Hund und Mensch.
Beim Menschen zeigt sich das „Flirt“ zum Beispiel als ein Lachen oder auffälliges Grinsen in einer unpassenden Situation. So hat mir eine Kollegin mal ein schönes Beispiel von ihr erzählt: Sie hatte auf den Hamster ihrer Schwester aufgepasst, als diese im Urlaub war. Leider jedoch ist der Hamster in ihrer Obhut verstorben. Als die Schwester dann aus dem Urlaub zurück gekommen war, musste sie ihr nun die traurige und unangenehme Nachricht überbringen. Und sie erzählte mir, dass sie dies nicht konnte, ohne dabei zu lachen – also eine wirklich unpassende Reaktion angesichts dieser Umstände.
Lernerfahrungen:
Die jeweiligen vorangegangenen Lernerfahrungen, welche ein Individuum bis dahin in seinem Leben gemacht hat, haben einen starken Einfluss darauf, welche der 4-F-Strategien das Individuum letztlich wählt.
Ein Individuum, welches gelernt hat, dass in bestimmten Situationen eine Fluchtreaktion keinen Sinn macht, das heißt dass dadurch die Angst nicht weniger wird, bzw. der Angstauslöser nicht weggeht oder geringer wird, wird diese Strategie in Zukunft in der Art nicht mehr anwenden.
Aber was wird das Individuum in Zukunft stattdessen machen?
- Entweder wird es in Zukunft einfach früher und / oder heftigere Fluchtreaktionen zeigen (Sensitivierung / Sensibilisierung):
Beispiel: Ein Hund, welcher die Erfahrungen gemacht hat, dass er nicht aus dem Sprechzimmer der Tierarztpraxis fliehen kann, weil er festgehalten oder fixiert wird, wird in Zukunft vielleicht nicht mehr freiwillig in das Sprechzimmer gehen – danach nicht mehr in die Tierarztpraxis – danach wird er nicht mehr aus dem Auto austeigen, während dieses sich auf dem Parkplatz der Tierarztpraxis befindet oder er wird zu Hause erst gar nicht ins Auto einsteigen (wenn er an irgendwelchen Signalen erkennen kann, dass es zum Tierarzt geht).
- Oder es wird in Zukunft mit Aggression reagieren:
Wenn Flucht nicht funktioniert, kann es auch passieren, dass das Individuum versucht, mit einer Kampfreaktion die Situation für sich besser zu machen. Beim Tierarzt würde dies zum Beispiel bedeuten, dass der Hund evtl. knurrt oder schnappt.
Erlernte Hilflosigkeit:
Findet der Hund keine passende Lösungsstrategie, um dem Angstauslöser zu umgehen, wie zum Beispiel davor zu fliehen (flight) oder diesen zu verscheuchen (fight), kann es passieren, dass der Hund irgendwann in die sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“ fällt. Eine erlernte Hilflosigkeit kann mit einer Art von „Aufgeben“ oder „Resignieren“ verglichen werden – daher, dass die Versuche des Individuums, die Situation zu seinem Besseren zu verändern, erfolglos blieben, „glaubt“ es, dass auch jegliche anderen Versuche zu keinem Erfolg führen würden. Was dazu führt, dass das Individuum die Situation ohne weitere Gegenwehr über sich ergehen lässt.
Das sind zum Beispiel Hunde, die während einer Untersuchung zunächst noch versuchen, durch Fluchtversuche zu entkommen, diese dann aber einstellen, weil diese zu keinerlei Verbesserung (oder Erfolg?) führen. Was nicht selten damit missinterpretiert wird, dass der Hund „sich an die Situation gewöhnt hat“.
Natürlich wird der Hund mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aufgrund einer einzelnen Erfahrung dieser Art während eines Tierarztbesuches in die erlernte Hilflosigkeit geraten. Vermutlich auch nicht mit zwei oder drei. Jedoch, umso häufiger der Hund solche Erfahrungen in der Tierarztpraxis macht und umso intensiver diese sind, desto wahrscheinlicher wird es, dass der Hund irgendwann doch innerhalb eines Tierarztbesuches eine erlernte Hilflosigkeit zeigt. Wobei das Ausmaß, in der diese sich darstellt, variieren kann. So wird es Hunde geben, welche zu Beginn noch versuchen, aus der Situation zu entkommen und dann erst „aufgeben“, während andere schon von vornherein resignieren. So lässt sich vermuten, dass die dabei empfundenen „negativen“ Emotionen ebenfalls in ihrer Intensität variieren.
Auch wenn das Verhalten innerhalb der erlernten Hilflosigkeit für die Behandlung und Untersuchung augenscheinlich von Vorteil erscheint, da der Hund sich hierbei ruhig und still verhält, ist es für den Hund ein belastender Zustand. Eine erlernte Hilflosigkeit gleicht dem Zustand einer Depression und zieht mehr oder minder schwere emotionale, kognitive und motivationale Einschränkungen nach sich.
Macht er Hund auch außerhalb der Tierarztpraxis häufiger Erfahrungen, in denen seine verschiedenen Bemühungen keinen Einfluss auf seine Umwelt haben, dann können sich besagte emotionale, kognitive und motivationale Einschränkungen zusätzlich auf andere Situationen im Leben des Hundes ausweiten, länger anhalten, sowie sich intensivieren. Mit dem Resultat, dass der Hund generell schneller aufgibt, lustlos erscheint und vermehrt Mühe hat, passende Lösungen für Probleme zu finden oder neue Sachen zu erlernen.
Offene Fragen:
Sind noch Fragen offen oder fehlt dir etwas? Dann zögere nicht, mich über meine Kontaktseite zu erreichen oder direkt eine E-Mail an info@MTHund.com zu schreiben!! Ich freue mich über jede Anregung, um dein Erlebnis auf meiner Seite noch weiter zu verbessern.
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